Katherine
Choong
klettert
als
erste
Frau
Zahir
(8b+,
300
m)

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Mit ihrer erfolgreichen Rotpunktbegehung der Mehrseillängenroute Zahir (8b+, 300 m) an einem Tag schreibt Mammut-Athletin Katherine Choong Schweizer Klettergeschichte: Als erste Frau meistert sie die anspruchsvolle Linie an den Wendenstöcken im Berner Oberland im September 2024 – und das sogar im Ecopoint-Style, also ausschliesslich mit Zug, Fahrrad und aus eigener Muskelkraft. Wie es ihr dabei ergangen ist, zeigt der Film – und erzählt Katherine in ihrem persönlichen Erfahrungsbericht. Die Route: 300 m, 8 Seillängen: 6c, 8a, 8b+, 7c, 7a+, 7a+, 7b, 6c. Zahir wurde zwischen 1996 und 2004 von Günther Habersatter und Iwan Wolf erschlossen und im Jahr 2006 von ihnen frei geklettert. Das Ziel ist es, die Route mit allen Seillängen sturzfrei und im Vorstieg an einem einzigen Tag durchsteigen.

Zahir ist eine der schwierigsten Mehrseillängenrouten der Schweizer Alpen – ein Klassiker, dessen Ruf mich ebenso anzog wie er mir abschreckte. Eine 300 Meter lange Linie, gelegen im eindrucksvollen Massiv der Wendenstöcke.

2024 fühlte ich mich endlich bereit, mich dieser Route zu stellen. Es fehlte nur noch eine Kletterpartnerin. Sofort dachte ich an meine Freundin Eline Le Menestrel, die unter einer Bedingung zusagte: Sie wollte im „Ecopoint“-Stil unterwegs sein, also das Auto zu Hause lassen und nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad reisen. Eine der schwierigsten Mehrseillängenrouten des Landes anzugehen – hoch oben am Ende eines Tals gelegen – und dort mit dem Fahrrad hinzufahren, mit nichts weiter als zwei Fahrradtaschen für unsere gesamte Ausrüstung… und einem Zelt? Warum nicht! Ich war ja nicht allein mit meinem Ziel – Eline würde die Herausforderungen mit mir teilen.

Die erste Aufgabe war geschafft: Wir hatten unser Equipment auf die Fahrräder gepackt. Sie waren jetzt so überladen, dass sie in jeder Kurve fast umkippten. Beladen wie Maultiere – mit Campingausrüstung, Kleidung und Klettermaterial, darunter rund fünfzig Exen, Karabiner sowie Kletter- und Statikseile und natürlich Elines unverzichtbarer Ukulele – kämpften wir uns über steile, kurvige und endlos wirkende Strassen und landeten gefühlt am Ende der Welt. Es war nur kein besonders einladendes Ende. Dichter, feuchter Nebel nahm uns fast jede Sicht. Keine Spur von Leben war weit und breit zu erkennen. Allein in dieser kargen Landschaft schlugen wir die Heringe für das Zelt ein, das für die nächsten zwei Wochen unser 2m2-Zuhause sein würde. Unsere Gesellschaft bestand hauptsächlich aus einem Trupp Murmeltiere, der uns hörbar grüsste, und neugierigen Kühen, die mit ihren Glocken unablässig auf sich aufmerksam machten.

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Am nächsten Tag, als die Sonne aufgeht und die Wenden in warmes Licht taucht, zeigt sich ein mineralisches Wunder wie von einem anderen Planeten: Die majestätischen, überhängenden Kalkwände schimmern uns in Blau, Grau und Gelb an. Unsere Beine sind noch müde von der Radtour, und mit schwer beladenen Rucksäcken beginnen wir den Zustieg – eine Aufgabe für sich, die uns körperlich und mental fordert. Die steilen, nassen Gras- und Felsflanken machen schnell klar: Hier darf man nicht ausrutschen, sonst rollt man bis ganz nach unten. Auch der Steinschlag, der von den Wänden über uns herunterkommt, beruhigt uns überhaupt nicht. Unter den Blicken der Gämse, die sich in diesem steilen Gelände bewegen, als wäre es ein 4b in der Kletterhalle, erreichen wir nach zwei Stunden schliesslich den Einstieg der Route Zahir.

Seltsamerweise drängt sich hier niemand vor dem Routeneinstieg: Der erste Haken befindet sich ganze 15 Meter über dem Boden in einer 6c Platte. Das Los fällt auf Eline, die sich hineinkämpft – und es schafft. Die zweite Länge, eine 8a, führt über eine wunderschöne, leicht überhängende Wand, durchzogen von Leisten, die eine gleichmässige Bewegungsabfolge vorgeben.


Dann kommt die dritte Länge mit der Schlüsselstelle: eine 8b+. Eine glatte, senkrechte Wand, die völlig griffarm wirkt – abgesehen von ein paar messerscharfen Leisten, die nur wenige Millimeter breit sind. Es gibt keine Chalk-Spuren an der Wand, die Bohrhaken sind weit auseinander. Sich an Exen hochzuziehen ist hier unmöglich. Man muss wirklich klettern. Stundenlang hängen wir am gleichen Punkt, mehrere Meter über dem zweiten Haken, tasten nach nicht vorhandenen Griffen, stürzen immer wieder, mit ausgestrecktem Arm, nur wenige Zentimeter vom nächsten Haken entfernt. Mental völlig erschöpft erscheint unser Ziel, Zahir zu klettern, plötzlich unerreichbar.

«Zwei
Klettertage
später,
im
eiskalten
Nebel,
schaffen
wir
es
kaum
zwei
Bolts
weiter.
Die
messerscharfen
Leisten
reissen
unsere
Haut
auf,
was
alles
noch
erschwert.»

Zwei Klettertage später, im eiskalten Nebel, schaffen wir es kaum zwei Bolts weiter. Die Rasierklingen, an denen wir uns halten, reissen uns die Haut auf, was alles noch erschwert. Wir haben den Stand der dritten Länge immer noch nicht erreicht; langsam beginne ich ernsthaft an unsere Chancen zu zweifeln und fühle enormen Druck. Schliesslich war ich es, die Eline gefragt hat. Und Julien investiert seine Energie in den Film – und ich komme nicht einmal zum Stand der 8b+. Dazu all die Sätze, die mir im Kopf herumspuken: „Für dich wird das leicht“, „Das ist genau dein Stil mit den kleinen Griffen.“ Sie verstärken das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen.

Eigentlich wollten wir die Route sauber und „nach den Regeln der Kunst“ klettern – also von unten und komplett frei, ohne irgendwelche technischen Hilfen. Am fünften Tag aber mussten wir unseren Stolz und unsere Prinzipien herunterschlucken: Wir bauten eine improvisierte Clip-Stange, um die nächste Exe einhängen zu können. So kamen wir endlich zum Stand und konnten die Züge dort überhaupt erst richtig austesten.

Die Bewegungen dieser Länge sind unglaublich schön – eine richtig elegante Kletterlinie. Schritt für Schritt lösen wir die Sequenzen. Jeden Tag geben wir alles, und jeder kleine Fortschritt fühlt sich wie ein kleiner Sieg an, der uns dem Ziel näherbringt. Aber erst am sechsten Tag schaffe ich endlich die Crux, die härteste Passage der 8b+, dank Eline, die mir ein paar Zwischenlösungen zeigt. Lange erschien mir die Seillänge wegen meiner Körpergrösse völlig unmöglich.

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Am neunten Tag in der Wand fühlen wir uns endlich bereit für einen ersten ernsthaften Versuch von unten. Um 3:50 Uhr klingelt der Wecker. Für die italienische Kaffeemaschine war in unseren Fahrradtaschen kein Platz – also weckt uns eine Tasse heisses Wasser aus dem Schlaf. Um 6:15 Uhr ziehe ich meine Kletterschuhe an und starte, um die morgendliche Kühle so gut wie möglich auszunutzen. Ich klettere die ersten beiden Längen durch. Der Himmel färbt sich golden, und die ersten Sonnenstrahlen beleuchten die Wand, als Eline ihren Versuch in der zweiten Länge (8a) startet. Nach einem harten Kampf fällt sie wenige Meter vor dem Stand. Sie erkennt, dass es heute nicht klappen wird und entscheidet sich, all ihre Energie darauf zu setzen, mich zu unterstützen.

Es ist noch kühl, ich fühle mich stark, und eigentlich passt alles für einen Durchstieg. Ich steige in die 8b+ ein. Doch der Druck ist zu gross – und ich falle schon in der ersten Schlüsselstelle.
Beim zweiten Versuch lande ich sogar noch tiefer. Diese beiden Anläufe kosten mich bereits unglaublich viel Energie und Haut, und inzwischen brennt die Sonne seit Stunden auf die Wand. Ich checke die Wettervorhersage: Die nächsten Tage werden instabil, und unsere Zeit geht zu Ende. Jetzt oder nie.
Dieser Druck, es könnte die letzte Chance sein, sitzt mir im Nacken. Aber ich starte erneut. Entschlossen. Und plötzlich fühlt es sich an, als würde ich fliegen. Ich komme durch die erste Schlüsselstelle, dann durch die zweite, und langsam nähere ich mich dem Stand. Beim letzten Zug merke ich, wie meine rechte Hand anfängt wegzurutschen. Am Ende meiner Kräfte habe ich die Wahl: alles riskieren und zur letzten guten Leiste springen – oder meinen Fuss neu platzieren, bevor ich loslasse. Ich entscheide mich fürs Risiko, springe … und verfehle den Griff. Ich falle direkt vor dem Stand ins Seil und fühle mich überwältigt von Enttäuschung und Wut darüber, so nah am Ziel versagt zu haben. Dazu ist die Haut an meinem Ringfinger aufgerissen und blutet stark. Die Situation wirkt aussichtslos. Erschöpft, aber entschlossener als je zuvor und überzeugt, dass ein Durchstieg untrennbar damit verbunden ist, wirklich daran zu glauben, gehe ich zurück zum Start für einen weiteren Versuch. Jetzt weiss ich, dass ich es schaffen kann – egal unter welchen Bedingungen.

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«Ich
komme
dem
Unmöglichen
immer
näher.
Und
dann
erreiche
ich
den
Stand.
Ich
clippe
den
Stand
der
8b+.»

Im Mehrseillängenklettern ist die Verbindung zur Seilpartnerin unglaublich stark. Das gemeinsame Abenteuer, die intensiven Emotionen – Angst, Zweifel, aber auch Freude –, die Momente voller Vertrauen und gegenseitigem Pushen, all das schweisst auf eine ganz besondere Weise zusammen und hinterlässt Erinnerungen, die man nie vergisst. Eline ist in diesem Moment zu 100 Prozent für mich da; ich spüre ihre Energie, sie beruhigt mich und gibt mir die Kraft, noch einmal einzusteigen.

Und dann passiert die Magie des Kletterns. Gegen 12:30 Uhr starte ich ein viertes Mal. Die Spitze meines Fingers blutet jedes Mal, wenn ich ihn auf eine Leiste setze, kein Wölkchen am Himmel, die Sonne brennt auf die Wand und verschlechtert die Reibung – aber ich fühle mich dennoch sicher. Greifen. Weiter. Ruhe bewahren. Atmen. Meine Konzentration ist auf dem absoluten Höhepunkt: Jeder Griff, jeder Tritt, jede Bewegung sitzt, und ich arbeite mich Zug für Zug weiter nach oben. Ich bin voll in meiner Blase, nehme nur noch Elines Zurufe und ihre Energie wahr, die mich trägt. Ich spüre weder den Schmerz meiner Haut noch Angst oder Müdigkeit.

Ich schüttle meine müden Arme aus, ruhe wann immer möglich kurz, atme tief durch, um meinen Herzschlag zu beruhigen und visualisiere die nächsten Züge. Ich komme durch beide Schlüsselstellen. Meine Unterarme brennen, meine Finger sind müde, und wieder fühle ich, wie meine Hand an derselben vorletzten Leiste zu rutschen beginnt. Doch mein Kopf übernimmt: Eine kleine Stimme schreit aus meinem Inneren, dass ich noch ein paar Sekunden durchhalten muss – klar bleiben, diesmal den Fuss sauber setzen. Mein Herz rast, aber mein Körper klettert weiter. Er folgt meinem Willen, hält das Gleichgewicht auf einem immer schmaleren Grat. Ich komme dem Unmöglichen immer näher. Und dann erreiche ich den Stand. Ich clippe den Stand der 8b+.

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«Und
auch
wenn
in
der
Kletterwelt
meist
nur
eine
Form
der
Leistung
gilt
der
Durchstieg
verdient
Eline
genau
so
viel
Anerkennung
wie
ich.
In
diesem
Sport
ist
nichts
schwarz
oder
weiss.»

Die Euphorie über den Durchstieg fällt nach ein paar Minuten ab, und plötzlich spüre ich die Erschöpfung und den Schmerz in meinem ganzen Körper. Es ist etwa 13 Uhr, und vor mir liegen noch fünf Seillängen – und die sind alles andere als ein Spaziergang. Die Abstände zwischen den Haken und die anhaltende Intensität bleiben bis zum letzten Stand fordernd.

Jede einzelne Länge ist ein harter Kampf, und das Ziel rückt nur langsam näher – Meter für Meter. Schliesslich erreiche ich gegen 18 Uhr den Ausstieg und erlebe zusammen mit Eline einen Moment puren Glücks. Jetzt heisst es nur noch: alles wieder abklettern und absteigen… Um 21:50 Uhr, zurück am Parkplatz, sind wir völlig erschöpft – aber überglücklich.

In solchen Momenten wird einem bewusst, was der wahre Gewinn ist: in sich selbst Kraft und Lösungen zu finden, wenn eigentlich nichts mehr möglich scheint. Der Erfolg dieses Projekts liegt für mich darin, dass wir uns einer riesigen Herausforderung gestellt und gleichzeitig eine wunderbare Seilpartnerschaft aufgebaut haben.

Zu sehen, wie meine Partnerin ihr persönliches Ziel knapp verfehlt, macht mich wirklich traurig – ich kenne dieses Gefühl der Frustration nur zu gut. Trotzdem blieb Eline die ganze Zeit über unterstützend, geduldig und präsent. Sie hat in jedem Moment ihre Stärke gezeigt, körperlich wie mental. Und auch wenn in der Kletterwelt meist nur eine Form der Leistung gilt – der Durchstieg – verdient Eline genau so viel Anerkennung wie ich. In diesem Sport ist nichts schwarz oder weiss. Ohne ihre unglaubliche Unterstützung wäre nichts davon möglich gewesen.

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