FILM. Das magische Elbsandsteingebirge der Sächsischen Schweiz rief nach mir

Sandstein hat eine ganz eigene Magie. Ob der leuchtend rote Sandstein hoch über der Wüste Utahs, die feinkörnigen Blöcke von Fontainebleau in einem ruhigen Wald oder einer der legendärer Sandsteintürme an der deutsch-tschechischen Grenze – beim Klettern auf Sandstein spürst du eine intensive Verbindung zwischen deinen Fingerspitzen und dem Fels. Sandstein nimmt die beeindruckendsten Formen an und fühlt sich einfach gut an.
Trotz meiner Begeisterung für Sandstein gab es ein Gebiet, das ich lange ignoriert habe, obwohl es zu den grössten Klettergebieten der Welt zählt und die Geschichte unseres Sports massgeblich geprägt hat. 150 Jahre Klettertradition, tausende Routen verteilt auf Türme hoch über der Elbe – und noch immer unberührte Wände mit Potenzial für viele weitere Anstiege.
Meine Eltern haben sich in diesem Paradies kennengelernt
Meine Eltern haben immer vom Sandstein in der Sächsischen Schweiz erzählt und ich liebte die Geschichten, die sie an den rauen Felswänden dieser Türme erlebt haben. Tatsächlich haben sich meine Eltern bei einem ihrer Wochenendtrips in diesem Paradies kennengelernt.
Noch in den 80er Jahren, als in der Tschechoslowakei und in Ostdeutschland autoritäre Regime herrschten, war Klettern der Inbegriff von Freiheit. An jenem kalten Wochenende im November 1983 kletterte mein Vater die «Direkte Superlative IXc», eines der Meisterwerke von Bernd Arnold – eine lebende Legende des Sandsteinkletterns, der Hunderte von Routen erschlossen hat. Schon der Name «Superlative» hat meine Fantasie angeregt. Wie gut diese Route wohl sein muss! Die Ethik der Kletter:innen vor Ort hat mir schon immer gefallen: weite Runouts, Routen von unten erschliessen und zusätzliche Absicherung mit Schlingen und Knoten. Aber das Chalk-Verbot war lange der Grund, warum ich nicht hingehen wollte.
Ich mag meinen Magnesiabeutel und das Chalk darin. Ich mag es, wenn sich meine Fingerspitzen am Fels griffig anfühlen. Ich mag es, bei guten Bedingungen zu klettern. Verschwitzte Hände auf Sandstein sind das genaue Gegenteil. Ich dachte immer, Klettern ohne Chalk wäre stressig und nicht besonders spannend. Aber diese ROUTEN!!! Sie ziehen mich magisch an ... vielleicht ist es den Versuch wert.


"Wenn es um Einseillängenrouten geht, ist die Schönheit der Routen im Sandsteingebirge in Sachsen kaum zu übertreffen."
Robert Leistners Meisterwerk: Die Vertreibung der letzten Idealisten (XIIa)
Vor einigen Jahren habe ich Robert Leistner eingeladen, mir ein paar Routen zu zeigen. Er ist ein sehr erfahrener IFSC-Routenplaner und es war für mich extrem wertvoll, mit ihm zu klettern, während ich mich auf die Olympischen Spiele vorbereitet habe. Gleichzeitig ist er ein erfahrener Sandsteinkletterer und Sachsen ist für ihn so etwas wie ein Heimspiel.
Er zeigte mir Fotos seines Meisterwerks «Vertreibung der letzten Idealisten» und ich war sofort begeistert. Einige Jahre später rief ich ihn endlich an und sagte ihm, dass ich vorbeikommen werde. Und gleich am ersten Tag machten wir uns gemeinsam auf den Weg, um uns diese beeindruckende Route anzusehen. Wenn es um Einseillängenrouten geht, ist die Schönheit der Routen im Sandsteingebirge in Sachsen kaum zu übertreffen. Die «Vertreibung der letzten Idealisten» (Redpoint-Grad XIIa, französischer Grad 8c) verläuft direkt durch die Mitte der Westwand des Nonnengärtners, eines unglaublich ästhetischen, schlanken Turms.
Ich dachte nicht einmal daran, diese Route zu flashen oder Onsight zu klettern. Ich wusste, dass das unmöglich sein würde. Alles, was ich wollte, war ein Redpoint-Versuch. Aber das ist keine gewöhnliche Sportkletterroute: So wie Robert sie von unten erschlossen hatte, musste auch ich sie von unten klettern – mich von Ring zu Ring vorarbeiten und einige ordentliche Stürze in Kauf nehmen, bevor ich die schwierigsten Stellen überwinden konnte. Das Ganze ohne Sturz, ohne Magnesium und mit verschwitzten Händen zu schaffen, schien mir eine sehr schwierige Aufgabe zu sein. Vor allem ohne Chalk musst du noch strategischer mit deiner Haut umgehen und ich konnte mir keine weiteren Versuche leisten. Ich wartete bis zum späten Nachmittag auf ein paar Wolken und startete dann meinen Redpoint-Versuch.
"In diesem emotionalen Moment wurde mir klar, dass mich Sachsen wirklich gepackt hat."
Greif fester zu!
Für mich ist es ein Privileg, an so einer Wand zu klettern. Mit jedem Meter gewinnt man an Höhe und das Klettern hätte so viel Spaß gemacht, wenn ich nicht ständig an meine verschwitzten Hände hätte denken müssen. In manchen Momenten fühlte es sich gar nicht mehr wie ein Problem an, doch zwei Züge später kämpfte ich wieder mit schweissnassen Händen darum, an der Wand zu bleiben. Aber eine kurze Pause an einem besseren Griff, eine frische Brise und schon konnte ich diese wunderschöne Route fortsetzen.
Während ich immer höher kam, begann ich meine Fingerspitzen zu ignorieren und einfach das Klettern zu geniessen. Denn wenn deine Hände nass vom Schweiss sind, gibt es nur einen Weg: Greif noch fester zu und versuche es einfach! Am Ende habe ich die Crux geschafft und die Route erfolgreich beendet. In diesem emotionalen Moment wurde mir klar, dass mich Sachsen wirklich gepackt hat. Denn ich wusste jetzt, dass es möglich ist, auch ohne Chalk zu klettern. Irgendwann geniesst man es sogar, egal wie klein die Griffe sind.



«Redpoint vom Circus Maximus» steht immer noch auf meiner Wunschliste
In den verbleibenden Tagen konnte ich einige Klassiker der besten Kletterer des Sandsteins besteigen. Darunter auch die «Rübezahlstiege» (VIIIc) von Herbert Richter (1960) oder «Ausflug ins Nirwana» (Xa) von Bernd Arnold (1983). Es war beeindruckend, diese Routen zu klettern und den Mut von denen zu spüren, die sie vor so vielen Jahren zuerst erschlossen haben.
Am letzten Tag war es an der Zeit, mich an den «Circus Maximus» zu wagen. Die schwierigste Route, die Robert Leistner eröffnet hatte und die immer noch auf ihren ersten Redpoint wartet. Es war der perfekte letzte Tag und mir gelang die erste Wiederholung (All‑Free mit Stürzen und Pausen, aber kein Redpoint). Diese Route gehört für mich zu den besten, die ich je gesehen habe. Eine massive, 60 Meter hohe Felswand mit einer perfekten Linie genau durch die Mitte. Die ersten 10 Meter sind weniger schwierig, aber danach ist die Route durchgehend anspruchsvoll und kombiniert kleine Löcher und Leisten mit sehr schrägen Tritten ohne wirkliche Ruhepunkte. Ein Redpoint ohne Magnesium wäre so cool, aber auch unglaublich schwer. Ich würde gerne eines Tages wiederkommen!





