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17-12-2018 / 14:45

Reclimbing the Classics: La Rose et le Vampire

Das Ende der Welt liegt nicht hinter den sieben Bergen und auch nicht an den Polen dieser Erde. Es liegt in Südfrankreich in den Bergen von Luberon und war in den 1980er-Jahren die Pilgerstätte für die besten Kletterer der Welt. In "Le Bout du Monde" schlägt das Herz von Buoux, und in "La Rose et le Vampire" verdichtet sich die Idee vom Tanz in der Vertikalen.

Text: Andreas Kubin
Fotograf: Rainer Eder / François Pevsner / Olivier Grunewald / Patrick Segiun

"Le Bout du Monde" – das Ende der Welt – befindet sich am äußerten rechten Rand der Felsenwelt von Buoux, einem der berühmtesten Klettergebiete der Welt. In den 1980er-Jahren wurde hier Klettergeschichte geschrieben und das Sportkletterns maßgeblich geprägt. Patrick Edlinger, genannt "Le Blond", machte mit seinen aufsehenerregenden Solobegehungen und schwierigen Erstbegehungen von sich reden. Der bis 200 Meter hohe Kalkriegel im Massif du Luberon nahe der Ortschaft Buoux hatte alles, was des Kletterers Herz begehrt: filigran ziselierte Kalkplatten, gewaltige Überhänge, Löcher und Leisten – und eine Ansammlung schwierigster Routen, wie es sie damals an keinem anderen Ort in Europa gab.

Als "Le Gang des Parisiens", eine Gruppe junger wilder Kletterer aus Paris, ab 1984 die Felsen von Buoux zu ihrem Spielplatz machte, begann dort das Zeitalter des X. Schwierigkeitsgrades, und als die Brüder Marc und Antoine le Menestrel, Jean-Baptist Tribout und Laurent Jacob schließlich im äußerst rechten Wandteil eine gelb-überhängende Mauer ohne jegliche Kletterroute entdeckten, da gab es kein Halten mehr. Eine Route nach der anderen wurde durch die unmöglich aussehende Mauer gelegt – "Le Bout du Monde" war gefunden!

"La Rose et le Vampire hat mich verändert, sowohl meine Art zu klettern als auch mein weiteres Leben"

Als Antoine le Menestrel 1984 die Route "Chouca" (8a+), die er nach seinem kurz zuvor gestorbenen Hund benannte, eröffnet hatte, bedeutete dies den Startschuss für die Erschließung des eindrucksvollen Wandgürtels. Im Jahr darauf versuchte sich Antoine an einer Linie durch den abweisendsten Wandteil – und weil im unteren Teil auf einigen Metern keine Griffe vorhanden war, modellierte er eine der berühmtesten Kletterstellen der Welt – den "Kreuzzug". Dieser wurde zum Inbegriff des Sportkletterns der späten 1980er-Jahre; es war in jener Zeit üblich, zu kleine oder gar nicht vorhandene Griffe künstlich zu verändern. "'La Rose…' ist die wichtigste Route in meinem Leben. Sie hat mich verändert, sowohl meine Art zu klettern als auch mein weiteres Leben", betont Antoine. Viele Wochen verbrachte er damit, die einzelnen Stellen seiner neuen Route zu optimieren – extrem weite Züge an Fingerlöchern, dynamische Bewegungen an kleinsten Leisten –, bis ihm im September 1985 der Durchstieg gelang. "Ich habe versucht, mich beim Klettern mit Meditation und der Lektüre von Gedichten und mystischer Literatur weiterzuentwickeln", erinnert sich Antoine, "Ich wollte mich vom Leistungsgedanken entfernen, um ein poetisches Klettern zu erfinden".

"La Rose et le Vampire" zählt bis heute zu den berühmtesten Kletterrouten der Welt, nicht zuletzt wegen des einzigartigen Kreuzzugs. Es war die erste 8b in Südfrankreich, und Kletterer aus aller Welt kamen, um sich an ihr zu versuchen: Viele ließen sich vom Vampir aussaugen, die Rose fanden nur wenige – wie sagte doch Antoine:

"Die Route ist der Vampir, und die Rose ist für den Sieger."

Im Jahr darauf fand Antoine eine Fortsetzung zu »La Rose…« – übrigens eine seiner letzten Erstbegehungen in Buoux – die er "La Rage de Vivre" nannte und die mit 8b+ bewertet wird – "der Schmerz zu leben", setzte sich in der Szene nicht in dem Maß durch wie der untere Teil "La Rose…". Von den naturgegebenen Felsstrukturen fühlte Antoine sich in seiner Kreativität zu sehr eingeschränkt, und so war es die logische Konsequenz, dass er begann, Routen an Kunstwänden zu designen. Er wurde zum ersten international anerkannten Routensetzer für große Kletterwettbewerbe, die zum Ende der 1980er-Jahre immer mehr an Popularität gewannen.

Wie komplex die Choreographie von "La Rose…" angelegt ist und wie grenzwertig die Einzelzüge sind, zeigt die Tatsache, dass die Tirolerin Anna Stöhr, mehrfache Gesamtweltcupsiegerin im Bouldern und Mitglied im Mammut-Pro Team, fast 30 Jahre nach der Erstbegehung vier Tage für die Realisierung der Route benötigte, die ihr alles abverlangte: "Am schwersten fiel mir der Zug über die Dachkante, da er sehr weit für mich ist. Außerdem war der Zug nach dem Kreuzzug schwer; da musste ich aufpassen, dass ich den Kreuzzug-Griff, von dem man wegzieht, richtig einsortiere." Obwohl Buoux heute bei den Extremen längst nicht mehr in ist, so bleibt "Le Bout du Monde" für immer ein Tanzboden für die Besten und "La Rose et le Vampire" bleibt die Veredelung des Tanzes in der Felsvertikalen.

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