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02-04-2020 / 16:00

Jonas Schild – Patagonien 2020

Zusammen mit Roger Schäli reiste ich diesen Februar nach El Chalten, Patagonien. Meine erste Reise ins Land von wilden Granit Spitzen, starkem Wind, grossen Steaks und feinem Wein. Für Roger war es bereits die Xte Patagonien Reise. Wir hatten klare Ziele im Kopf, wussten aber auch von den schwierigen Wetterbedingungen im Süden Argentiniens. So kam es, dass bis zu unserer Ankunft Ende Januar praktisch nur schlechtes Wetter herrschte und keine grösseren Touren gemacht werden konnten.


Bereits zu Beginn schien es das Wetter nicht schlecht mit uns zu meinen und wir waren am Tag nach unserer Ankunft, noch etwas müde aber voller Motivation, schon unterwegs an den Berg. Wir wussten, dass die Bedingungen sicher nicht gut sein werden nach so viel Niederschlag und es war auch nur ein Tag wirklich gutes Wetter. Während dem Anmarsch zur Laguna Sucia wurden wir bereits echt patagonisch zum ersten Mal verregnet und biwakierten weiter unten als geplant. Nach einer kurzen Nacht machten wir uns auf in Richtung Campo Suiza an der Ostseite der Aguja de l’S. Zuerst wollten wir die Bedingungen von nahem checken bevor wir uns für eine Route entschieden. Der angeklebte Schnee der Vortage und die relativ warmen Temperaturen liessen wenig Spielraum. Schlussendlich kletterten wir die Route Austriaca auf die Aguja de l’S. Toller Anfang, ein Tag nach Ankunft bereits auf dem ersten Gipfel. Einer der kleineren Berge in Patagonien, dennoch bei diesen Bedingungen, nicht zu unterschätzen.

Zurück im Tal konnten wir uns einrichten und an den Chalten-Lifestyle gewöhnen. Freunde treffen, Kaffe trinken, Assados, gute Gespräche, bouldern und ganz wichtig: Wettercheck. All diese schönen Sachen machten den Schlechtwetter-Alltag erträglich.
Schon vor unserem Abflug zeigten einige Wettermodelle eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für längeres Hochdruckwetter anfangs Februar. Zu unserem Glück bestätigte sich dies. Kurz nach unserer ersten Tour waren wir bereits wieder unterwegs mit der Aussicht auf 4-5 Tage gutes Wetter. Eine Ausnahme für Patagonien. Da wir bereits von den vielen Neuschneemengen wussten, warteten wir noch einen Tag zu.
Am ersten Tag gings 20 km rein ins Campo Polacos vis-à-vis der Torre Gruppe. In den folgenden drei Tagen überschritten wir die drei Gipfel Aguja de l’S, Aguja Saint-Exupéry und Aguja Rafael. An der Saint-Exupéry mussten wir auf die Nordwestwand ausweichen, da es immer noch zu viel Neuschnee auf der Schattseite hatte und sehr kalt war. Es waren drei unglaubliche Tage mit super Kletterei, schönen Biwaks und wilder Abseilerei. Leider war es sehr kalt und der viele Schnee machte schnelles Vorankommen in dieser Exposition teilweise unmöglich. Dies war auch der Grund für den Entscheid, bei diesen Bedingungen nicht mehr in die gewaltige Südwand der Poincenot einzusteigen.

Nach fünf Tagen in den Bergen waren wir in Chalten froh über eine warme Dusche, gutes Essen und einige Tage schlechtes Wetter zum Erholen. Die vergangenen Tage hatten uns ein aussergewöhnliches Wetterfenster geschenkt und wir waren nicht sicher, ob wir nochmals eine derartige Chance kriegen. Doch wir hatten wiederum unglaubliches Glück und eine weitere Hochdrucklage wurde prognostiziert. Das hiess: nochmals Planen und hoffen, die richtige Tour in der richtigen Exposition und Höhe auszuwählen. Im Vergleich zu Vorher waren wärmere Temperaturen angesagt, jedoch fiel es in den Vortagen wieder sehr viel Schnee in der Höhe. Somit entschieden wir uns, eine neue Linie in der Ostwand des Torre Eggers zu versuchen, welche viel Sonne kriegt und auch vom Wind etwas geschützter ist. Doch nach einem happigen Anmarsch mussten wir am Wandfuss feststellen, dass die Ostseite deutlich mehr Schnee abbekommen hat als das letzte Mal und unser Vorhaben nicht möglich ist. Kurzfristig war die Stimmung schlecht.

Beim Abstieg sahen wir, dass die Westseite der Fitz Roy Gruppe diesmal deutlich trockener aussah. Bei warmen Temperaturen ist so das Klettern im Schatten sicher auch angenehmer. So entschieden wir uns, mit der letztmals unterbrochene Überschreitung der Fitz Roy Kette weiter zu fahren. Am nächsten Morgen stiegen wir beim ersten Tageslicht in die 900m lange Route „Fonrouge Rosasco“ in der Südwand der Poincenot ein. Bereits nach den ersten 100m kamen wir an eine Verschneidung, über welche ein Wasserfall herunter lief. Grossartige Morgendusche. Mit kühlem Kopf gings in unübersichtlichem Gelände weiter, teils durch klassische Kamine, teils perfekte Splitter. Viel Schnee in den Verschneidungen der steilsten Wandstelle im oberen Teil zwang uns zu einer Umgehung mit unangenehmer Kletterei in brüchigem Felsen was das Ganze deutlich anspruchsvoller und langsamer machte. Der obere Teil leitete uns in moderater Kletterei in die klassische Whillans-Cochrane Route, über welche wir in zwei simultan gekletterten Längen den Gipfel erreichten. Was für ein unglaubliches Gefühl, auf dieser Nadel den Sonnenuntergang geniessen zu können, mit Blick auf das Innlandeis, die Torre Gruppe, den Fitz Roy und El Chalten. Das nächtliche Abseilen über die Whillans Rampe ging ziemlich flott. Der Abstieg über den Gletscher runter zur Languna de los Tres war dann alles andere als angenehm; Ständig sanken wir bis zu den Hüften im durchnässten Schnee ein. Zum Schluss war noch ein 10km langes morgendliches Footing nach Chalten angesagt, wo wir genau 24 Stunden nach dem Einstieg ein feines Schnitzel genossen. Absolut nicht selbstverständlich um 7 Uhr morgens.

Alles in allem hatten wir eine geniale Zeit in El Chalten. Die Bedingungen liessen leider nicht alles zu was wir geplant hatten. Für uns haben wir das Beste draus gemacht und sind super vorbereitet, um nächstes Jahr zurück zu kommen. Auch nebst dem Klettern und Bergsteigen war es eine wunderbare Reise. Wir durften viele neue Freundschaften schliessen, alte Freunde wieder treffen und ein sehr motivierendes und starkes Umfeld kennen lernen. Ganz speziellen Dank an Rolando Garibotti, der uns mit wichtigen Infos und dem Wetterbericht unglaublich gut unterstützt hat. Auch nebst dem Klettern war es enorm bereichernd, mit ihm und vielen anderen, Gespräche über Gott und die Welt zu führen. Für mich sind diese Erinnerungen ebenso wertvoll wie die intensiven Erlebnisse am Berg.


Bergsteigen